Wenn meine Eltern gekommen wären, dann hätte meine Diplomarbeit aus zwei Teilen bestehen sollen:
. Auf einer weinrot gestrichenen Wand, wären die drei Porträts von meiner Mama, von meinem Vater und von meiner Kindheit präsentiert worden. Dies sollte die Abschlussarbeit meines Kunststudiums für meine Eltern sein.
. Hinter dieser Wand, sollte die große Rauminstalla-tion, meine “richtige” Abschlussarbeit für die Hoch-schule und das “andere” Publikum präsentiert werden, deren Schöpfung ich meinen Eltern verheimlichen wollte.
Alles zum Bestimmen der Grenze zwischen “Kunst” und “Nicht-Kunst”. Da sie nicht kommen, werde ich die Grenze aufheben. Ich werde zu einem Kind ohne Vater und Mutter. Ein Kind, das weder die Verformung versteht, noch die Form selbst. Ein nicht gewordenes Kind, Nicht älter geworden, Nicht reif geworden, Nicht zum Soldat geworden …

Allen Kindern gewidmet, die nie auf diese Welt kommen!

WE SCREAM FOR ICE CREAM
Rauminstallation
. Kindheitsporträt, Bleistift auf Papier, gerahmt in einem mit Goldfarbe angemalten Rahmen 80x60 cm
. Spielkarten aus Wachs, Beton, Gips, Polyesterharz und Aluminium jeweils ca. 140x100 cm
. Porträt meiner Mutter, Öl auf Leinwand 40x30 cm
. Porträt meines Vaters und Selbstporträt, Öl auf Leinwand, jeweils 220x145 cm

Photograph: Frank Grätz

Diplompreis 2011 des Freundeskreises der HfBK Dresden

Die Jury würdigt die Gesamtinstallation „we scream for ice cream“ von Saeed Foroghi mit dem Preis des Freundeskreises, weil sie emotional auf besondere Weise berührt und zugleich künstlerisch überzeugt. Ohne die persönliche Geschichte des Künstlers genauer zu kennen, vermitteln sich dem Betrachter bildnerisch und erzählerisch die verschiedensten Anknüp-fungspunkte, die auf die Erfahrungen von Gewalt, Zerstörung und Tod verweisen. Zentra-les wiederkehrendes Element ist die Spielkarte des Herzbuben, der mit Waffe und Helm ausgestattet ist. Diese Figur, die Pathos und Militanz verkörpert, wird in unterschiedlichen Materialien abgeformt, deformiert und in einem Prozess der Auflösung gezeigt, der sich auch auf dem Boden ausbreitet. Hierbei beeindruckt Foroghis besonderes Gespür im Umgang mit Materialität, deren narratives und haptisches Potential er sensibel auslotet.
Im Gesamtarran-gement knüpft er an den Topos des Künstlerateliers an - eine Malerpalette liegt auf dem Tisch, zwei Frauenporträts stehen auf dem Boden und werden rechts von einem großen, ganzfigu-rigen Männerporträt flankiert. Die Konturen dieser Bilder finden sich auf der blutrot gestri-chenen Wand vor dem Raum wieder, auf der die Zeichnung eines Kleinkindes hängt - ein Selbstporträt des Künstlers. Mit dieser Zweiteilung der Installation spielt Saeed Foroghi auf seine Zugehörigkeit zu zwei Kulturkreisen an, einen, in dem er geboren und aufgewachsen ist – dem Iran - und einen, in dem er sich künstlerisch zugehörig fühlt. Beide trennt mehr, als nur unterschiedliche Vorstellungen von dem, was Kunst ist. Im Zusammenspiel aller Elemente gelingt es Saeed Foroghi, die politischen Implikationen der eigenen Lebensgeschichte aufzuzeigen und in ein bildmächtiges Ensemble zu überführen.

Jule Reuter, Kuratorin der HfBK Dresden